Gemeinsamkeit Floristik und FaGe
Der Desinfektionsmittelgeruch gibt mir beim Betreten eines Spitals sofort das Gefühl, Zuhause zu sein. In solch einem Gebäude kenne ich die Spielregeln und weiss um die Geschichten, die das Leben darin schreibt.
Wenn ich einen Blumenladen betrete, dann atme ich ebenfalls tief ein. Boah, riecht das gut! Frisch, lebendig, erdig – eine Indoor-Naturoase. Blumen seien das Lächeln der Erde. Mit ihnen blüht jeder Raum auf. Sie ehren die Mutter Anfang Mai und spenden bestimmt auch Kraft, wenn ihr Kind bei uns behandelt werden muss. Müssen wir uns von einem Kind verabschieden, dann schmücken Blumen den Sarg.
Wie ich begleitet und berät Svenja als Floristin Menschen in herausfordernden Lebenslagen. Auch ihr begegnen die unterschiedlichsten Menschen voller Vorfreude auf den schönsten Tag im Leben oder beim Abschied nehmen. Mich beeindruckt, wie sie ihnen begegnet, sie kennen- und spüren lernt und den Menschen dann die Blumen zusammenstellt, die den bevorstehenden Anlass würdigen.
Die Vorbereitung
Svenja qualifizierte sich mit ihrem Sieg an den SwissSkills für die Worldskills in Shanghai. Ein Jahr lang hat sie nun nach Abschluss ihrer Lehre gearbeitet und sich daneben auf diesen Wettkampf mit ihrer Trainerin Chantal Wiedmer vorbereitet. Um international mithalten zu können, müssen nicht nur Technik und Ideenreichtum auf Knopfdruck abrufbar sein. Auch die mentale Stärke wird trainiert.
Ich stürze mich ebenfalls in die Vorbereitung. Schaue mir überall Blumensträusse, Bepflanzungen und Schaufenster an. Versuche zu verstehen, worin die Qualität und Originalität der Kunstwerke liegen. Ich lese nach, welche Berufe am Wettbewerb teilnehmen und freue mich auf die Vielfalt aus Handwerk, Kunst und Technologie. Begeistert entdecke ich, dass auch die FaGe Lisa Maibach teilnehmen wird.
Wettkampfstart
Nach einer pompösen Eröffnungsfeier mit Licht-, Tanz- und Roboter-Spektakel geht es auf dem riesigen Gelände endlich los. Wir sind in Halle 6 und können Svenja von der ersten bis zur letzten Minute zuschauen, wie ihre floralen Werke entstehen. Sie hat sozusagen ein Kabäuschen für die Produktion und eines für die Ausstellung ihrer fertigen Werke. Sie ist fokussiert, weiss genau, was sie machen will, und arrangiert Blumen, bepflanzt Vasen und gestaltet einen Raumtrenner floral. Wir können im Uhrzeigersinn umhergehen und auch die anderen Nationen bei der Arbeit beobachten.
Ich kann zur Technik nicht viel sagen, analysiere die unterschiedlichsten Werke und stelle fest: die Geschmäcker bezüglich Ästhetik, Opulenz und Extravaganz sind sehr unterschiedlich. Hier harmonisch und nach dem Motto „weniger ist mehr“, um‘s Eck eine Blumenexplosion. Der Ideenreichtum kennt keine Grenzen und ich lerne, dass eine Aufgabe jedes Mal mit 16 individuelle Lösungen abschliesst. Ergo: Viele Wege führen nach Rom. Spannend ist es, die Zuschauer zu beobachten. Den Einen gefällts hier, den anderen da. Das perfekte „Rom“ scheint also auch für jeden anders auszusehen.
Die FaGe startet in der selben Halle
Nur gerade zwei Berufsblöcke weiter in der Halle ist „Social and Health Care“. Hier gibt es verschiedenste Zimmer: eine Wohnküche, ein Ambulatorium, ein Pflegeheimzimmer, Besprechungsräume und ein Spitalzimmer. Hier ist Lisa bei ihrer Arbeit. Natürlich will ich selbst, ehemalige FaGe-Absolventin, vorbeischauen und staune.
Innert 60 Minuten müssen verschiedenste Szenarien erst vorbereitet, dann durchgearbeitet werden. Lisa pflegt, berät, gibt Ernährungsempfehlungen ab, analysiert immer wieder Allgemeinzustände, muss Vitalzeichen erheben, beurteilen, das Clinical Assessment beherrschen und Pflegeplanungen schreiben. Da ein Patient mit Demenz, dort eine Frau mit einer Angststörung. Lisa muss sich immer wieder in einem anderen Versorgungssetting zurechtfinden, Verbände wechseln, vernetzt denken, reagieren und kommunizieren. Dies alles auf Englisch.
Genau wie bei Svenja und den Florist:innen bemerke ich, dass hier international unterschiedlich gearbeitet wird. Die grosse Gemeinsamkeit? Alle arbeiten patientenzentriert und gehen auf die aktuellen Bedürfnisse der Patient:innen ein. Sie suchen Blickkontakt, prüfen, ob das, was sie tun, wirkt. Ich bin freudig überrascht.
Die Essenz der Pflege, das ganzheitliche Kümmern um andere Menschen, ist eine globale Sprache, die auf der ganzen Welt gelernt und weitergegeben wird.
«Ich bin freudig überrascht. Die Essenz der Pflege, das ganzheitliche Kümmern um andere Menschen, ist eine globale Sprache, die auf der ganzen Welt gelernt und weitergegeben wird.» |
Weitere Handwerke und das grosse Finale
Natürlich pilgerten wir auch durch die anderen Hallen. Beobachteten konzentrierte junge Erwachsene hinter den IT-, Gestaltungs- und Programmier-Bildschirmen, den Goldschmied beim filigranen Arbeiten, die Schneiderin mit ihrer Nähmaschine, den Mechaniker, den Maurer, die Landschaftsgärtner, die Rezeptionistin, die Kosmetikerin und und und ... Es gibt so viele spannende Berufe und Leidenschaft zu erleben, das begeistert. Ich möchte gerade auf der Stelle auch ein Haus zimmern, eine Wand malen oder den Champagner so elegant öffnen wie die Restaurationsfachfrau.
Nach vier Tagen Wettkampf schliesst ein Teilnehmer nach dem anderen sein Werk ab. Die Schweizer Fangemeinschaft sprintet vom einen Beruf zum nächsten und bejubelt mit Fahne, Kuhglocke und „Hopp Schwiiz“ die letzten Minuten. Überglücklich fallen sich Svenja und ihre Coachin in die Arme.
Ausdauer braucht Lisa. Sie darf erst spät mit ihrer letzten Aufgabe starten. Schmunzelnd witzeln wir, dass sie immerhin auch gelernt hat, einmal Überzeit zu stemmen. So sitzt sie bis zur letzten Minute konzentriert da und sorgt für das Wohlbefinden ihrer letzten Patientin. Am Abend jubeln wir für alle und schwenken unsere Fahnen.
Einen ganzen Tag warten wir auf die Resultate. Endlich startet die Schlussfeier, und wir dürfen immer wieder aus unseren Sitzen springen und jubeln. Zwölf Podestplätze und zig Medaillons for Excellence. Die Schweizer können was. Auch Svenja und Lisa dürfen sich darüber freuen. Herzliche Gratulation!
«Endlich startet die Schlussfeier, und wir dürfen immer wieder aus unseren Sitzen springen und jubeln. Zwölf Podestplätze und zig Medaillons for Excellence. Die Schweizer können was.»
Take-home-Message
Was nehme ich mit? Wie viel Herzblut alle Berufsbildner:innen in unsere Jugend stecken. Wie gründlich und professionell in unserem Land Handwerk gelehrt wird. Wie motiviert alle sind.
Ich habe weiter Lust, Floristin zu werden und mir die Kunst des Blumenbindens anzueignen. Svenjas Leidenschaft ist ansteckend. Stell dir vor, ich könnte am Ende des Frühdienstes den Patient:innen noch ein passendes Sträusschen binden, das sie motiviert, sich auch morgen wieder für ihre Gesundheit einzusetzen und die Tabletten korrekt einzunehmen.
«Was nehme ich mit? Wie viel Herzblut alle Berufsbildner:innen in unsere Jugend stecken. Wie gründlich und professionell in unserem Land Handwerk gelehrt wird. Wie motiviert alle sind.» |
Lisa ist eine stolze FaGe, wie ich es auch bin. Ich würde diesen Beruf immer wieder wählen. Die Vielseitigkeit ist unschlagbar. Kenntnisse über Gesundheit und Krankheit, Kommunikationsfertigkeiten, Medizinaltechnik wie Verbandswechsel oder Vitalzeichen kontrollieren sowie das Begleiten von Menschen im Alltag. Einen umfassenderen Einblick in die Gesundheitswelt gibt es inklusive.
Ich mag das Motto der WorldSkills „Master Skills, Change Your Future“. Mir gelingt nicht alles beim ersten Mal. Ich musste üben, um bei der Blutentnahme gleich beim ersten Mal zu treffen. Manchmal klappte es, manchmal nicht. Doch nicht aufgeben, weiterüben. So ist es heute eine willkommene Herausforderung, auch bei schwierigen Venenverhältnissen Blut abzunehmen. Svenja und Lisa haben sich ihren Herausforderungen ebenfalls gestellt. Sie haben gelernt, repetiert und trainiert und sind nun stolzer Teil des WorldSkills-Olymps.