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Wenn Pflegende reisen

  • Katharina Rüdisüli

Sie sprinteten quer durch die Bahnhofshalle. Das leuchtende Hellblau der Overalls war unübersehbar. Jemand war in Not und benötigte dringend Hilfe. Viel zu schnell verschwanden sie mit der Trage und den medizinischen Geräten aus meinem Blickwinkel. Ich wäre gerne aufgestanden und hätte mich in die erste Reihe gedrängt, um zusehen zu können. Doch das tust du hier in Japan nicht. Nein. Alle bleiben sitzen und gehen ihren eigenen Dingen nach. Ganz anders als bei uns, wo das Bild des News-Scouts gefühlt schneller online geschaltet wird, als die Rettungsfachkräfte am Unfallort eintreffen können.

Fasziniert sind wir dennoch und überlegen, ob sie wohl ähnliche Abläufe haben wie wir in der Schweiz. Sind die professionellen Ersthelfer auch gezielt geschult wie wir? Haben sie auch Algorithmen gelernt und können so in Sekundenschnelle nach Schema zusammenarbeiten? Der Drang zu helfen in uns war gross. Der Defibrillator, um das Herz bei einem Stillstand mit einem Stromstoss wieder beleben zu können, war derselbe, wie bei uns im Spital. Da hätten wir doch nützlich sein können, oder nicht? Nein halt, sie haben Schriftzeichen, die wir kaum entziffern können. Es sind einige Minuten vergangen, die Lage scheint sich beruhigt zu haben. Die Bahre taucht wieder auf. Die Patientin ist aufgeladen und scheint stabilisiert zu sein. So lautlos wie sie gekommen sind, verschwindet die hellblaue Crew wieder. Was bleibt, sind unsere weiter fasziniert leicht offenstehenden Münder.

Ich kann wirklich nicht genug bekommen vom Reisen. Dieses Eintauchen in eine andere faszinierende Kultur erfüllt mich jedes Mal wieder aufs Neue. Andere Klimazonen, andere Architektur, andere Kochkunst, andere Sprachen, andere Kleider und natürlich ein anderes Gesundheitswesen. Wie divers die Welt doch ist. Und wie spannend zu entdecken, warum die jeweiligen Menschen ihr Leben auf diese Weise gestalten. Da lerne ich mich noch besser kennen und es bringt mich dann später zu Hause den Patient:innen näher, die in einem anderen Land als der Schweiz aufgewachsen sind.

Auch unterwegs werde ich meinen Beruf nicht wirklich los. Also versteht mich nicht falsch. Es tut wahnsinnig gut, nach dem Stress der vergangenen Monate eine Auszeit geniessen zu dürfen. Den Kopf zu lüften. Sich mit anderem zu beschäftigen.

Es blieb mir etwas wenig Zeit, um durchdacht zu packen, und so war mein Rucksack eher genug schwer. Wie immer konnte ich es nicht lassen und die Reiseapotheke hatte einen überdimensionalen Umfang. Wahrscheinlich hätte ich damit eine eigene Klinik eröffnen können. Spass bei Seite. Es ist wichtig, grundlegende Medikamente wie eine fiebersenkende oder auch entzündungshemmende Schmerztablette oder Kohletabletten dabei zu haben. Aber die antibiotischen Ohrtropfen hätte ich wohl zu Hause lassen können. Da Pflegende aber darauf getrimmt werden, vorauszudenken und für alle Fälle gewappnet zu sein, zeigt mein Gepäck, dass ich diese Lektion gelernt habe. 

Profitieren tun davon aber vor allem Mitreisende. Meistens verteile ich dann doch Medizin an Hostel-Zimmergenoss:innen, Mitreisende oder werde für eine Konsultation gerufen. Was ich von diesem Ausschlag halte und welche Therapie ich empfehlen würde? Es ist immer spannend, dabei Pflegeprodukte aus anderen Ländern zu entdecken. Auch schmeichelt es natürlich, wenn die neu gewonnenen Freunde sich einig sind, den Jackpot geknackt zu haben, weil sie ja eine Pflegefachfrau mit dabei haben.

Dieses Mal aber mussten wir in Indonesien selber eine Wunde verbinden. Erst gelangten wir stundenlang nicht zu unserem Rucksack mit dem Verbandsmaterial und dann mussten wir auch noch feststellen, dass Pflaster im Salzwasser weniger gut auf der Haut halten. Unser Vorrat an Wundauflagen ging schneller zu Ende, als die Wunde heilen wollte und wir mussten uns in der Apotheke neu ausstatten. Das Sortiment war natürlich viel bescheidener als in der Schweiz. Es gab drei Pflaster zur Auswahl und fertig. Echt gut gibt es heute so viele Übersetzungsapps. Hast du also Empfang im Ausland, musst du dein Anliegen nicht mit Händen und Füssen vorzeigen.

Um eine Internetverbindung waren wir dann auch echt froh, weil die Wunde einfach nicht heilen wollte, trotz unseren Bemühungen. Wir haben den Doktor im Dorf bereits ausfindig gemacht und die Warteschlange an kranken Menschen im Vorgarten bereits erschrocken registriert, als uns die rettende Lösung einfiel.

Im Spital fertigen wir bei allen Wunden, die nicht einfach heilen, eine Wunddokumentation an. Wir machen Fotos und beschreiben ganz genau, wie die Wundränder, Umgebung und der Wundgrund aussehen und wie wir die Wunde behandeln. Dank diesem Standard können alle Pflegefachpersonen, die die Wunde verbinden, mithelfen, dass die Wunde unter optimalen Bedingungen schnell abheilen kann.

So haben wir die Angaben zur Wunde gesammelt und unserer befreundeten Expertin in der Schweiz geschickt. Diese online Konsultation war genau, was wir benötigten. Einen Tipp wie weiter und vor allem Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind und uns in Geduld üben müssen. 

In der Zwischenzeit ist die Wunde verheilt und nur noch die Narbe erzählt von den Erlebnissen. Wo der Rucksack leichter wurde, weil wir uns aus der Reiseapotheke bedienten, sind wir nun an Erfahrungen schwerer. Es ist schon sehr praktisch, kann ich mein Pflegewissen mit auf Reisen nehmen. Das hat schon in manchen Situationen geholfen. Dankbar, dass wir wohlbehalten wieder zu Hause sind, packe ich meine Reiseapotheke aus und freue mich schon auf das nächste Abenteuer.

Bemerkungen

Katharina Rüdisüli

Als Dipl. Expertin für Intensivpflege arbeitet Katharina Rüdisüli im Universitäts-Kinderspital Zürich. Von ihrem abwechslungsreichen Arbeitsalltag, ihren emotionalen Begegnungen und abenteuerlichen Herausforderungen erzählt sie hier im PulsBlog. 

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