Später sitze ich im Wellnessbereich und nippe an meinem türkischen Tee. Mein entspannter Körper ruht in einem flauschigen Bademantel. Der Gedanke von vorhin blieb jedoch an mir hängen und hallte nach. Wie viele Menschen habe ich in meinem Pflegealltag schon berührt. Nicht nur an Beinen oder Rücken, sondern sehr persönlich und intim. Über dem, was zu meinem täglichen Brot gehört, schwebt der Schleier der Routine. Selbstverständlich legen wir am Morgen bei der Körperpflege los. Darum bauen wir in der Pflege zu unseren Bewohner:innen eine Beziehung auf, um eine Vertrauensbasis zu erlangen. Wir erlernen die Individualität der Berührung bei jeder einzelnen Person. Daraus können Gewohnheiten und Rituale entstehen, die pflegerische Berührung als etwas Angenehmes erfahrbar werden lassen.
«Darum bauen wir in der Pflege zu unseren Bewohner:innen eine Beziehung auf, um eine Vertrauensbasis zu erlangen. Wir erlernen die Individualität der Berührung bei jeder einzelnen Person.» |
Der Mensch ist ein soziales Wesen und soziale Interaktionen durch Berührungen gehören dabei zu den elementaren Grundbedürfnissen, wie die Luft zum Atmen. Ohne Körperkontakt können wir wissenschaftlich belegt von Geburt an nicht überleben. Ohne Körperkontakt können wir wissenschaftlich belegt von Geburt an nicht überleben. Dabei können Berührungen, sei es durch Mensch oder Tier, verschiedene Emotionen auslösen. Beziehung, Intimität, Lust und Vertrauen entstehen in der Umarmung zu einem geliebten Menschen. Herzfrequenz und Atmung beruhigen sich bei wohlwollenden Berührungen durch ein vertrautes Gegenüber. Wird man von einer fremden Person unaufgefordert berührt, können Ekel, Schamgefühl oder Wut ausgelöst werden.
«Ohne Körperkontakt können wir wissenschaftlich belegt von Geburt an nicht überleben.»
In der Pflege von Menschen mit Demenz (MmD) offenbaren sich die durch die Berührung verbundenen Emotionen sehr offen. Dies kann sich anhand körperlicher oder verbaler Äusserungen zeigen. Sie können von liebevollen Worten bis hin zu wütenden Beschimpfungen reichen. Vor allem bei Berührungen während der Intimpflege können starke Gefühle wie Scham, Angst und ehemalige Traumata zu körperlicher Abwehr führen. Dieses Phänomen steht täglich im ethischen Dilemma der Körperpflege in Bezug auf Vorbeugung von Hautirritationen und Infektionen. Doch welche Berührungen können gezielt bei MmD in herausfordernden Situationen eingesetzt werden?
POSITIVE BERÜHRUNGEN BEI MENSCHEN MIT DEMENZ:
- Eine gehaltene Hand kann Nähe und Sicherheit vermitteln und aussagen: «Ich bin bei dir».
- Die Hand auf der Schulter kann Trost vermitteln.
- Offene Arme können bei einer weinenden Person zu einer Umarmung einladen.
- Aktivierte C-Fasern bei Berührung des Rückens schütten im Körper das Kuschelhormon Oxytocin aus, senken den Cortisolspiegel und fördern die Bindung.
- Ausstreichungen mit der Haarwuchsrichtung fährt das Nervensystem herunter.
Berührungen können jedoch auch Worte ersetzen. Wenn aufgrund kognitiver Einschränkungen bei MmD bestimmte Handlungsabläufe nicht mehr automatisch ausgeführt werden, kann eine einfache Berührung helfen: Ein leichtes Berühren des linken Fusses kann ausreichen, damit er zum Anziehen des Sockens angehoben wird. Ein sanfter Druck auf die Schulter kann signalisieren, sich auf die Seite zu drehen. So kann auf einer anderen Ebene reizarm kommuniziert werden.
Um jemanden professionell und persönlich zu berühren, braucht es aus meiner Sicht tägliche Achtsamkeit und das Bewusstsein, was Berührungen auslösen können. Wir alle brauchen einen respektvollen und wohlwollenden Körperkontakt. Und schliesslich gilt hier auch die Universalformel: Berühre andere, wie auch du berührt werden möchtest und achte auf Signale des Gegenübers – das schafft gegenseitig Sicherheit und Vertrauen.
