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Humor in der Demenzpflege

  • Esther Peyer

Ich knipste das Licht im Zimmer von Herrn M. an. Sofort erstrahlte der zuvor noch abgedunkelte Raum hell. Herr M. explodierte: «Schalte das wieder aus, du blöde Kuh!» Eingeschnappt löschte ich das Licht und verliess das Zimmer. Natürlich war mir klar, dass Herr M. Gründe hatte, so zu reagieren, sei es, dass er sich wegen des plötzlichen Lichts erschrocken hatte oder die Helligkeit ihm in den Augen schmerzte. Im Stationszimmer bemerkte ich meiner Kollegin gegenüber augenzwinkernd, dass ich wieder mal einen Tiernamen bekommen habe. Und Kühe sind ja bekanntlich sehr intelligent.

Später ging ich nochmals zu Herr M. ins Zimmer. Er sass mittlerweile auf einem Stuhl vor seinem Frühstück. Kaum hatte er mich bemerkt, fing er ein langes Referat darüber an zu schwingen, was doch heute Morgen für eine «unmögliche, inkompetente Pflegeperson» bei ihm gewesen sei. Ich kniete mich zu seiner Seite hin, hörte ihm aufmerksam zu, nickte immer wieder verständnisvoll und musste innerlich zunehmend grinsen. Ich spürte, dass es Herr M. gut tat, sich über diese «unmögliche Pflegeperson» Luft zu machen. Und, dass er mich nicht erkannte. Irgendwann, als der Rauch der Empörung langsam verdampft war, sagte ich zu ihm: «Herr M., wissen Sie was? Diese Person, die war ich.» Mit grossen Augen sah er mich an: «Ja was!?» Er musste grinsen, als er seinen Irrtum bemerkte. Versöhnt und lächelnd verliess ich später wieder sein Zimmer.

Irgendwann, als der Rauch der Empörung langsam verdampft war, sagte ich zu ihm: «Herr M., wissen Sie was? Diese Person, die war ich.» Mit grossen Augen sah er mich an: «Ja was!?» 

Humor und Demenz – ein Thema, das sehr wohl existiert und seine Berechtigung hat. Dabei sind nicht durch Defizit entstehende Situationen gemeint. Es können selbstverständlich Momente entstehen, in denen die Wahrnehmung der Bewohner:innen zu spontanen Themen führen, die für eine aussenstehende Person ohne einen Zusammenhang lustig erscheinen. So sagte mir zum Beispiel eine Bewohnerin auf einmal aus dem Nichts: «Ach ja, diese Leute… und am Sonntag gehen sie dann alle wieder brav in die Kirche.» Woher dieser Gedanke kam, weiss nur die Bewohnerin selbst. Humor in der Demenzpflege bedeutet aus Sicht der Pflege viel mehr ein gezieltes Erschaffen einer belustigenden, wohlfühlenden Gemeinschaft zwischen den Bewohner:innen und dem Pflegepersonal.

Esther round
«So sagte mir zum Beispiel eine Bewohnerin auf einmal aus dem Nichts: "Ach ja, diese Leute.... und am Sonntag gehen sie dann alle wieder brav in die Kirche.» 

Auf meiner Abteilung begegnet mir immer wieder Trauer, Unsicherheit und Angst. Wie entwaffnend ist dann doch ein Lächeln, eine Umarmung oder ein positives Sprichwort. Hinter Sprichwörtern versteckt sich meistens eine sinnergebende Hoffnung, ein Sonnenstrahl, der wieder neuen Mut geben kann. Langsam kann wieder Leichtigkeit durch die trüben Gedanken hindurchleuchten. Wie viele Male schon konnten Sarkasmus und Galgenhumor die Lachmuskeln von Bewohnenden aktivieren. Wie viele Male wurde es ein Gaudi, wenn beim Kaffeetrinken mit «Cheerio, Miss Sophie» einander zugeprostet wurde. Dazu noch gute Musik und schon entsteht eine andere Atmosphäre. Es werden Lieder angestimmt, die alle kennen, und es wird mitgesungen. Gesichter erhellen sich. Humor ist ansteckend.

«Wie viele Male wurde es ein Gaudi, wenn beim Kaffeetrinken mit "Cherrio, Miss Sophie" einander zugeprostet wurde. Dazu noch gute Musik und schon entsteht eine andere Atmosphäre. Es werden Lieder angestimmt, die alle kennen und es wird mitgesungen. Gesichter erhellen sich. Humor ist ansteckend.»

Das, was bei einem lachenden Menschen ausgeschüttet wird, ist ein wohltuender Cocktail aus Endorphinen, Dopamin und Oxytozin. Letzteres ist für die soziale Bindung zuständig. Lachen in der Gruppe ist also eine wunderbare Möglichkeit, um das Bedürfnis des Einbezugs von Menschen mit (und auch ohne) Demenz zu fördern. Zuletzt ist Humor auch für uns Pflegepersonen ein gut wirksames Elixier gegen all die Herausforderungen unseres Berufs. Mit Menschen mit Demenz zu lachen, reduziert nachweislich einen erhöhten Cortisolspiegel. Caring-Momente können entstehen, die noch lange nachklingen. Entspannung kehrt ein. Ein Löffelchen voll Zucker kann bekanntlich jede bittere Medizin versüssen.

 

«Lachen in der Gruppe ist also eine wunderbare Möglichkeit, um das Bedürfnis des Einbezugs von Menschen mit (und auch ohne) Demenz zu fördern.» 
Esther round

Esther Peyer

Esther Peyer ist diplomierte Pflegefachfrau im Gesundheitszentrum für das Alter Bombach der Stadt Zürich und berichtet über Themen und Situationskomik aus der Langzeitpflege. Mit ihren Blogs möchte sie Menschen im Pflegeberuf, oder jene, welche sich für die Pflege interessieren, zum Nachdenken, Mitfühlen und Schmunzeln anregen, ohne dabei Schwierigkeiten zu tabuisieren.

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