Marie-Sophie: «Für mich ist es wichtig, mich bewusst zu fokussieren: auf den Patienten und seine Angehörigen im Hier und Jetzt. Alles, was «drumherum» ist, – Geschichten, Verluste, das ganze Ausmass des Geschehenen – versuche ich nicht zu sehr an mich heranzulassen. Jeder Schicksalsschlag hinterlässt Spuren, aber ich habe gelernt, eine gewisse innere Grenze zu ziehen, um die notwendige professionelle Distanz zu wahren.»
Für uns Pflegefachpersonen ist folgendes absolut zentral: Es gab und gibt täglich auch andere schwere Schicksale und Patient:innen, denen ebenfalls eine umfassende Betreuung und Versorgung zusteht. Auch wenn über die nicht berichtet wird, haben wir für sie genau das gleiche Herzblut.
Zwischendurch tat es uns gut, einmal nicht bei den Verbrennungspatient:innen eingeteilt zu sein. Diese anderen Perspektiven und Pflegeschwerpunkte halfen uns, das Erlebte zu relativieren.
Es ist körperlich anstrengend, diese Patient:innen zu versorgen. Da ist die Hitze, der Geruch, das Körpergewicht, das zu bewegen ist und ein fast pausenloses Arbeiten.
Jede:r weiss, was ihn oder sie stärkt. Viele von uns gingen in ihrer Freizeit ins Fitness, joggen oder entspannten sich beim Yoga – Aktivitäten, die Körper und Geist guttun. Ebenso wichtig waren bereichernde Gespräche mit Mitarbeiter:innen und dem eigenen sozialen Umfeld. Sich mitzuteilen und verstanden zu fühlen gibt uns die Kraft, jeden Tag wieder zurückzukommen und weiterzumachen.
«Viele von uns gingen in ihrer Freizeit ins Fitness, joggen oder entspannten sich beim Yoga – Aktivitäten, die Körper und Geist guttun. Ebenso wichtig waren bereichernde Gespräche mit Mitarbeiter:innen und dem eigenen sozialem Umfeld.»
Verarbeitung, Emotionen und Innenleben
Und dann blickte sie in den Spiegel und sagte: «Ich bin SO hässlich» und weinte. Nicole erzählte berührt von der Konfrontation einer Patientin mit ihren thermischen Verletzungen. Ja, was willst du da sagen? Dein einziges Bedürfnis ist mitzuweinen.
Wir können als Pflegefachpersonen viel zur physischen Heilung beitragen. Doch die innere Genesung entsteht in den Patient:innen selbst. Wir sind anwesend, wenn sie verarbeiten, was geschehen ist. Wenn sie realisieren, dass Freunde von ihnen gestorben sind, während sie überlebten. Wenn sie ihren veränderten Körper neu entdecken und versuchen, ihr Gedankenchaos zu ordnen.
«Wir sind anwesend, wenn sie verarbeiten, was geschehen ist.»
Gut, stehen uns und den Patient:innen die Psycholog:innen zur Seite. Gut, kennen die Familien ihre Jugendlichen. Und doch wünschte ich mir in diesen Momenten jemanden, der mir ins Ohr flüstert, was ich jetzt Passendes sagen könnte.
Diese wilden Emotionen von Trauer, Angst, Wut, Verzweiflung und Frust auszuhalten, ist je nach eigener Tagesverfassung anspruchsvoll. Es hilft total, sich Zeit nehmen zu können und die Patient:innen nicht nur durch ihre Verletzungen, sondern als ganzen Menschen zu sehen. Da ist ja noch immer der passionierte Sportler und die begeisterte Taucherin. Daran können wir anknüpfen.
«Diese wilden Emotionen von Trauer, Angst, Wut, Verzweiflung und Frust auszuhalten, ist je nach eigener Tagesverfassung anspruchsvoll.» |
Wir versuchen hier eine Balance zu finden. Im einen Moment trauern wir zusammen, dass nichts mehr so ist, wie es hätte sein sollen. Dass, die Genesung Kraft kostet und die Erschöpfung manchmal überpräsent ist. Und dann lachen wir wieder gemeinsam und fachsimpeln über den Schönling, der da im Netflix-Film Küsse verteilt. Trotz allem begleiten wir hier Jugendliche, die gerade ihre Identität finden – und wir stehen ihnen dort bei, wo sie uns brauchen.
Ja, und manchmal fragen wir uns in der Erschöpfung, ob sich dieser Kampf lohnt.
Isabelle erzählt: «Da nahm er meine Hände, faltete sie, küsste sie – und es hiess Danke. Für mich war in diesem Moment klar, dass sich alles lohnt.»
Auch wenn wir nach dem Dienst müde sind, wer hinschaut, findet die Dankbarkeit und das Vertrauen der Patient:innen und ihren Familien. Erfahrt morgen, was sonst noch unser Herz berührt hat.