Zum Glück waren nicht alle Hautpartien gleich ausgeprägt betroffen und bald schon kamen die Jugendlichen unter den nicht mehr nötigen und kleineren Verbänden zum Vorschein. Ich hatte so richtig Freude, die hübschen Gelnägel der jungen Dame zu bestaunen.
Gestaunt haben wir dann auch über die Patient:innen, denn wir begegneten den unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Sie beschäftigen sich mit einem konstanten Durstgefühl, immer wieder juckenden oder schmerzenden Hautarealen, dann ist es wieder unbequem oder sie werden von Hustenreizen wach gehalten. Doch ihre Gedanken sind für uns erst dann wahrnehmbar, wenn sie ausgesprochen werden.
Wir waren nicht dabei, als sie ausgelassen mit ihren Freunden feierten. Wir waren nicht dabei, als das Feuer ausbrach und auch nicht dabei, als sie erste Hilfe bekamen. Aber danach.
Wir waren dabei, als sie danach das erste Mal wach wurden. Unsere Augen blickten in ihre. Wir versuchten zu verstehen, was sie uns mit dem Beatmungsschlauch zwischen den Zähnen sagen wollten. Du kannst so keine Stimme erzeugen, Lippenlesen muss reichen.
Ich sage euch, ich habe alles gegeben, aber mein Schulfranzösisch und mein «Ich kann Pizza und Gelato bestellen»-Italienisch war nicht ausreichend. Hier hätte ich mir eine KI als Gehirn gewünscht, die sowohl das Lippenlesen, wie die Fremdsprachen perfekt beherrscht hätte.
Das war für uns Pflegende oft schwierig, dass wir nicht in der Muttersprache mit den Jugendlichen sprechen konnten. Klar sind sie und wir heute super in Englisch. Doch sich und seine Emotionen in der Herzenssprache mitteilen zu können, ist angenehmer.
«Wir waren dabei, als sie danach das erste Mal wach wurden. Unsere Augen blickten in ihre. Wir versuchten zu verstehen, was sie uns mit dem Beatmungsschlauch zwischen den Zähnen sagen wollten.» |
Wir haben mit den Eltern und Patient:innen mitgeweint, als endlich der Beatmungsschlauch raus konnte und Worte wieder möglich waren. Zum ersten Mal wieder die Stimme des eigenen Kindes hören und sich wirklich austauschen können: Wie geht es dir? Was ist passiert? Wie erlebst du die Situation? Wo genau hast du Beschwerden? Endlich nicht mehr nur über Kopfnicken oder Augenrollen kommunizieren.
«Wir haben mit den Eltern und Patient:innen mitgeweint, als endlich der Beatmungsschlauch raus konnte und Worte wieder möglich waren.»
Aber nun war es möglich Gedanken und Ängste auszusprechen. Ja, in der Nacht ist es dunkel und Traum, Trauma und Wirklichkeit können verschwimmen. Geschehenes kommt wieder hoch.
Isabelle erzählt, wie sie immer wieder beweisen musste, dass sich die Türe des Raumes jederzeit und immer wieder öffnen lasse. Alleine sein wollten die Jugendlichen auf keinen Fall. Zusammen mit ihren Familien schufen wir eine sichere Oase. Die Familienmitglieder wechselten sich ab und wohnten teils fast mit auf der Intensivstation, um für die Betroffenen da zu sein. Es war beeindruckend zu sehen, wie sie sich organisierten. Speziell war, dass sich die Familien teilweise kannten. Auch das gab ihnen Halt. Sie waren nicht alleine in ihrem Schicksal und der stetige Austausch schweisste sie weiter zusammen.
«Isabelle erzählt, wie sie immer beweisen mussten, dass sich die Türe des Raumes jederzeit und immer wieder öffnen lasse.» |
Und so wie du und ich unterschiedlich sind, so sind es auch die Patient:innen. Konnten wir sie zuerst kaum auseinanderhalten und mussten uns stark konzentrieren, um sie nicht zu verwechseln, wurde es mit den Wochen einfacher. Hier waren die Patient:innen mit Schwierigkeiten der Lunge oder mit der Verdauung konfrontiert. Drüben waren es die Schmerzen und da die Verarbeitung des Geschehenen, die die Betroffenen belasteten.
Der gleiche Grund führte sie alle zu uns. Doch genauso, wie sie individuell auf die Situation reagierten, so haben auch wir unsere Behandlung an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst.
Wie wir Energie aufbrachten jeden Tag aufs Neue diese Pflege zu bewältigen und den Patient:innen bei der Verarbeitung der Ereignisse beistehen, erzählen wir euch morgen.