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IPS-Pflege: Die ersten Wochen seit Crans-Montana

  • Katharina Rüdisüli
Copyright: Kinderspital Zürich / Barbora Prekopova

Vielen Dank für die wertschätzende Zusammenarbeit; möge sie uns auch im neuen Jahr gelingen. Wie wahr solche häufig verteilten Grussworte zur Weihnachtszeit und zum Neujahr werden würden, wusste auch ich noch nicht, als ich am 1. Januar aufwachte, mich über die ersten Sonnenstrahlen freute und mein Blick auf mein Smartphone richtete.

Im Nu war ich wach und starrte die Zeilen an. Mein Team auf der Intensivstation suchte nach zusätzlichen helfenden Händen. Ich war nicht zu Hause und musste erst einmal überlegen, ab wann ich ihnen realistischerweise zur Verfügung stehen konnte. Kurz darauf kam bereits der Hinweis, dass vorerst genug Unterstützung vorhanden sei, jedoch die Planung für die kommenden Tage laufe und wir uns überlegen sollten, ob wir auch dann zusätzliche Dienste übernehmen könnten.

Ich musste online nachschauen, was die Schweiz erschüttert hat. Da wo ich war, wurde fein gespiesen und mit Feuerwerk die alten Jahresgeister vertrieben. Wie konnten wir so zuversichtlich und fröhlich auf die Zukunft anstossen, während am anderen Ende unseres Landes so viele Menschen Hilfe brauchten. Ich war aufgewühlt und sass erst einmal da und starrte Löcher in die Luft.

Mein Pflegeherz erinnerte sich an all die Patient:innen mit thermischen Verletzungen und deren Familien, die ich in den letzten Jahren begleiten durfte. Mir stieg der unverkennbar süsslich-feuchte Geruch in die Nase, der die vielen Verbände umgibt. Ich spürte die Erschöpfung, die einen zuweilen übermannt, weil die Pflege und Betreuung dieser Menschen sehr viel Zeit und Energie kosten kann.

Patient:innen mit thermischen Verletzungen zeigen in der Regel zu Beginn einen instabilen Kreislauf, brauchen viel Flüssigkeit, die Verbände müssen gepflegt, viele Medikamente verabreicht und die Familien begleitet werden.

Katharina round
«Patient:innen mit thermischen Verletzungen zeigen in der Regel zu Beginn einen instabilen Kreislauf, brauchen viel Flüssigkeit, die Verbände müssen gepflegt, viele Medikamente verabreicht und die Familien begleitet werden.» 

Wir bewundern alle, die bei der Erstversorgung am Unfallort und in den Walliser Spitälern die Verwundeten in Empfang nahmen. Sie haben herausragende Arbeit geleistet. Sie haben die Betroffenen so vorbereitet, dass wir nun bestmöglich weiter zur Genesung beitragen können. Wir sagen von Herzen DANKE!

Da ist auch unser unbändiger Wille, dass wir das gemeinsam schaffen werden. Die Solidarität ist gigantisch. Jeder mobilisiert, was er kann. Nicht nur die Pflegefachpersonen haben sich an Neujahr unverzüglich auf den Weg gemacht. Nein, auch das riesige ärztliche Team, die Crew der Anästhesie und unser Krisenstab und und und... Es gibt Unmengen zu organisieren.

«Die Solidarität ist gigantisch. Jeder mobilisiert, was er kann. Nicht nur die Pflegefachpersonen haben sich an Neujahr unverzüglich auf den Weg gemacht. Nein, auch das riesige ärztliche Team, die Crew der Anästhesie und unser Krisenstab und und und... Es gibt Unmengen zu organisieren.»

Wir benötigten ausreichend spezifische Medikamente für die Brandverletzten. Das Team der Materialverantwortung begann sofort damit, uns zusätzliches Positions- und Verbandmaterial zu organisieren, und der psychologische Dienst unterstützt uns in der Betreuung der Angehörigen.

Die Betreuung von Patient:innen mit einer thermischen Verletzung ist kein Sprint. Die Aufgabe gleicht eher einem Marathon mit eingebautem Escape Room. Alle paar Tage die grossen Verbandswechsel, dazwischen Probleme erkennen und Auswege finden. Eine Faustregel besagt, dass du pro Prozent Verbrennung einen Tag im Spital verbringst. Mindestens. Mit jeder Komplikation kann sich die Aufenthaltszeit verlängern und dann gehst du nicht nach Hause, sondern erst einmal zur Rehabilitation.

Was mich berührt und mir Energie gibt, ist mein Team. Jeder packt mit an. Suchst du eine helfende Hand, ist sie sofort verfügbar. Sei dies am Patientenbett oder nach Dienstende in Form von aufmunternden Gesprächen oder einer Umarmung.
Seit dem Umzug des Kinderspitals im letzten Jahr sind unsere Teams nun Nachbarn. Und wir spüren: Gemeinsam können wir noch viel mehr bewältigen.

Wie sonst auch lässt das Schicksal dieser Jugendlichen uns nicht kalt. Es könnten auch die Kinder unserer Nachbarn oder Mitarbeiter:innen sein. Alle helfen mit. Egal ob Pflegehelfer:in, Reinigungsfachkraft oder Care Team. Alle sind mit dabei. Unsere eigenen Lebensrucksäcke lassen wir in der Garderobe stehen.

Wir achten aufeinander und hören einander zu, wenn es etwas zu reflektieren gibt, damit man danach ruhig nach Hause gehen kann. Einige von uns bringen mehr Erfahrung mit in der Betreuung von Brandverletzten. Wir organisieren Schulungen und Reflexionsrunden, um die emotionale Last abzufedern. Jede:r darf ihre/seine Bedürfnisse kundtun. Die einen brauchen ein offenes Ohr, die anderen Wissen, und wieder anderen hilft es, eine Social‑Media‑ oder Berichterstattungs‑Pause einzulegen.

Während ich diese Zeilen schreibe, läuten draussen die Glocken. Die Schweiz trauert. Dieser Unfall hätte nicht sein sollen. Meine Arbeit auf der Intensivstation zeigt mir, wie unberechenbar das Leben ist. Dieses Mal sind es viele Menschen auf einmal, die Pflege und Betreuung brauchen. Doch sie sind nicht alleine. Während sich die Familien der Brandverletzten bei uns einfinden, kennen andere Familien unser Team und unsere Infrastruktur bereits bestens. Während die Patient:innen und ihr Umfeld sich bei uns «einleben», kommen täglich neue Schicksale und weitere Familien dazu.

«Meine Arbeit auf der Intensivstation zeigt mir, wie unberechenbar das Leben ist. Dieses Mal sind es viele Menschen auf einmal, die Pflege und Betreuung brauchen.» 
Katharina round

Man weiss nie, was kommt. Aber ich weiss, da ist ein Team, das mit anpackt. Oder in den Kispi-Worten, die ihr kennt: "Zusammen- bis es den Kindern gut geht." Fürs Erste haben wir einen Plan, das nötige Material und (Wo)Manpower. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Katharina Rüdisüli

Als Dipl. Expertin für Intensivpflege arbeitet Katharina Rüdisüli im Universitäts-Kinderspital Zürich. Von ihrem abwechslungsreichen Arbeitsalltag, ihren emotionalen Begegnungen und abenteuerlichen Herausforderungen erzählt sie hier im PulsBlog. 

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