Zu Beginn müssen wir uns alle kennenlernen. Wer bringt die Patient:in mit? Was haben sie für Überzeugungen, Copingstrategien und Wünsche?
Sie müssen nach dem Schock des Unfalls ja erst einmal Luft holen und sich an unsere Strukturen gewöhnen und einen Weg finden, ihren Familienalltag mit dem Spitalgeschehen zu vereinen. Das geht nicht von heute auf Morgen und kaum haben sie sich an eine Pflegfachperson und ihre Arbeitsweise gewöhnt, ist Schichtwechsel und es kommt eine neue Persönlichkeit. Dies braucht Verständnis, Zeit und viele wertschätzende Gespräche von beiden Seiten.
«Wer bringt die Patient:in mit? Was haben sie für Überzeugungen, Copingstrategien und Wünsche?» |
Und habt ihr es bemerkt? Wir hätten immer gerne mehr Zeit. Es ist eine Kunst, die Zeit, die wir pro Schicht haben, so einzuteilen, dass es für die Patient:innen, die Administration und Dokumentation und die Familien genug hat.
Gut haben wir aus diversen Spitälern zusätzlich Mitarbeiter:innen erhalten, die uns genau dies verschaffen konnten. Mehr Hände, für mehr Zeit für alles.
Zeit hilft auch, Vertrauen und eine Beziehung aufzubauen. Mit jedem Tag lernten wir die Jugendlichen und ihre Familien besser kennen. Mit jedem Gespräch konnten wir die Pflege individueller ausgestalten und die Angehörigen wussten, was sie erwartet und wo sie mitanpacken konnten.
Ich liebe es, diese Entwicklung mitgestalten zu können. Am Anfang sitzen die Eltern und Geschwister oft aufgelöst und weinend neben dem Bett, starren auf die Verbände und wissen nicht, wie sie mit ihrer Ohnmacht umgehen sollen. Einfach sitzen und warten. Geduld ist ein erbarmungsloser Lehrmeister.
Dann bringen sie Fotos mit und erzählen von der Persönlichkeit hinter den Verbänden. Wir hören gemeinsam die Musik, die den Betroffenen Kraft schenkt. Wir tauschen Erlebnisse aus und beginnen von der neuen Zukunft zu träumen.
«Dann bringen sie Fotos mit und erzählen von der Persönlichkeit hinter den Verbänden. Wir hören gemeinsam die Musik, die den Betroffenen Kraft schenkt.»
Erst helfen sie ein Arm neu zu positionieren, dann halten sie die Tube mit der Vaseline für die Gesichtspflege, dann cremen sie selber ein, danach merken sie, dass die Beine unbequem positioniert aussehen und schwupp, schon informieren sie mich, dass sie selbständig die Lageveränderung durchgeführt hätten und übrigens, sie bräuchten mehr Wasser, da die Patient:innen weiter Durst hätten.
Das ist cool! Egal welche Familien wir begleiten. Sie können es alle. Sie kennen ihre Kinder und wissen, was sie brauchen und haben sie schon vor dem Unfall unzählige Male berührt. Natürlich ist da erst eine Hemmschwelle. Niemand möchte jemandem zusätzliche Schmerzen hinzufügen. Es ist auch nicht gleich einfach, die veränderte Haut zu berühren. Verbrannte, abgeheilte Haut ist in ihrer Konsistenz weniger elastisch und fester, aber genau gleich warm.
«Es ist auch nicht gleich einfach, die veränderte Haut zu berühren. Verbrannte, abgeheilte Haut ist in ihrer Konsistenz weniger elastisch und fester, aber genau gleich warm.» |
Mit dem Vertrauen, das die Familien uns entgegenbringen, wachsen meist auch die Ansprüche. Erwartungen werden plötzlich vehementer artikuliert und eingefordert. Die anfängliche Unsicherheit schwindet und die Familien wissen, was sie wann wollen. Sie wissen, wann die Patient:innen eine Pause brauchen und welche Therapien nötig sind. Es ist eine Freude zu sehen, dass die Familien bei uns angekommen sind.
Doch nun kommt der Moment, wo wir beginnen zu verhandeln. Wir erklären nicht mehr was wir tun, sondern betonen warum wir etwas tun. Die Partizipation verändert sich. Die Patient:innen sollen nicht mehr im Bett liegen und ruhen, wir wollen sie fit bekommen, um am Leben teilnehmen zu können. Ein Umdenken ist nötig.
Fokus Prophylaxe, Mobilisation und Start Rehabilitation
Ihr ahnt es. In den ersten Tagen und Wochen versuchen wir schlicht, das Leben der Patient:innen zu erhalten. Wir schützen die Jugendlichen vor Schmerzen, der Konfrontation des Geschehenen und geben dem Körper Zeit sich vom Schock zu erholen. Je mehr Haut gedeckt ist, desto stabiler werden sie.
Nun wird es sportlich. Sind die Hautstellen über den Gelenken zugeheilt, muss die Elastizität der Haut gefördert werden. Hautpflege und Schienen helfen dabei. Das Tragen der Schienen kann im ersten Moment unangenehm sein. Auch nach langen Wochen des Liegens plötzlich wieder aufstehen zu müssen, ist mit vielen Ängsten verbunden. Wir Pflegefachpersonen nehmen uns die Zeit, den Patient:innen zu erklären, warum dieses Training wichtig ist, dass Respekt dazugehört. Dass wir an ihrer Seite sind und, wo nötig mit Medikamenten für Schmerzlinderung sorgen. Dass wir das mit ihnen schaffen.
«Nun wird es sportlich. Sind die Hautstellen über den Gelenken zugeheilt, muss die Elastizität der Haut gefördert werden. Hautpflege und Schienen helfen dabei.» |
Auch hier sind wir ein interprofessionelles Team. Es braucht jemand, der den Kopf und die Beatmungsschläuche unter Kontrolle hat, jemand für alle Infusionsleitungen und sonstigen Überwachungskabel und Kreislaufkontrolle. Und nochmals vier Hände, um die Patient:innen zu bewegen, die ihr Gewicht mit all den Verbänden kaum selber tragen können. So sind wir bestrebt, die Familie möglichst schnell einzubinden und zu befähigen. Sie können ihr Kind super lesen und motivieren. Wenn wir uns gerade um Medikamente kümmern, können sie z.B. Finger durchbewegen und sich am Therapieerfolg beteiligen.
«Es braucht jemand, der den Kopf und die Beatmungsschläuche unter Kontrolle hat. Jemand für alle Infusionsleitungen und sonstigen Überwachungskabel und Kreislaufkontrolle. Und nochmals vier Hände, um die Patient:innen zu bewegen, die ihr Gewicht mit all den Verbänden kaum selber tragen können.»
Und wie geht es denn eigentlich den Patient:innen? Was beschäftigt sie? Morgen beschäftigen wir uns damit.