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Der erste Verlust

  • Haje Azizi

Der erste Tag, an dem ich einen Patienten verlor, war einer der anspruchsvollsten Tage für mich. Meine Gefühle waren durcheinander und ich verstand die Welt nicht mehr. Warum musste er sterben? Was passiert nun mit seiner Familie? Diese Fragen gingen mir durch den Kopf, während Tränen über meine Wangen flossen.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich in meinem Leben noch nie mit dem Tod konfrontiert worden. Als ich meine Ausbildung begann, dachte ich, dass ich an der Genesung verschiedener Patienten beteiligt sein würde und hatte mich gar nicht mit dem Tod auseinandergesetzt.

An einem kalten, frühen Morgen um 07:00 Uhr kam ich auf die Station. Nach einigen Minuten ging der Rea-Alarm auf der Nachbarstation an, was das Team darauf aufmerksam machte, dass gerade eine Reanimation startete. Ich fühlte mich wie gelähmt, da man während einer Reanimation nicht nach vorne rennen sollte, sondern eher Platz machen muss, damit die Beteiligten einen kühlen Kopf bewahren können. Es war ein seltsames Gefühl, dass es mir gut ging und ein anderer Mensch, eine Persönlichkeit und ein Familienvater gerade um sein Leben kämpfte. Die Reanimation war leider erfolglos. Ich konnte dies nicht wahrhaben. Man hatte alles gegeben, doch sein Herz wollte nicht mehr schlagen. Ich ging ins Stationszimmer und konnte nicht anders, als zu weinen. Meine Stationsleiterin war sehr aufrichtig und lieb und hat mich in den Arm genommen. Sie redete lange mit mir und brachte mich mit einigen Sätzen wieder zum Lächeln. Ein Satz hat sich bei mir eingeprägt, den ich nie vergessen werde: Der Tod eines Menschen muss nicht zwangsläufig schlimm sein. Der Patient konnte friedlich und ohne Schmerzen einschlafen. Zudem war er ebenfalls chronisch krank und musste schon lange um sein Leben kämpfen, weswegen er endlich ausruhen und gehen kann. Zum gleichen Zeitpunkt wurde auch ein anderer Patient reanimiert, der es ebenfalls nicht geschafft hat. Ich stellte mir vor, dass sie nun zusammen als Freunde in den Himmel gehen würden. Das machte mich glücklich. Mein Team stand immer hinter mir und hat mir den Rücken gestärkt, wofür ich sehr dankbar bin. Ich konnte auch mit meiner Familie darüber reden, musste jedoch darauf achten, den Datenschutz einzuhalten. Sie haben mir ebenfalls gezeigt, dass der Tod zum Leben dazu gehört und eine Phase ist, die wir alle durchlaufen.

Nun haben diese verschiedenen Aussagen meine Sichtweise über den Tod verändert, wofür ich sehr dankbar bin. Ich habe mich bereits beim nächsten verstorbenen Patienten anders darauf eingestellt und die letzten Wünsche erfüllt, damit ich für mein Gewissen weiss, dass ich mein Bestes gegeben habe. Ich habe jetzt weniger bis keine Angst mehr vor dem Tod, sondern grossen Respekt davor. Dies ist jedoch kein Lebensabschnitt, der mir immer negativ im Gedächtnis bleiben wird. Aus der ganzen Situation habe ich erkannt, wie wichtig mein Team, meine Familie und meine Freunde sind. Zudem habe ich mich persönlich weiterentwickelt und kann sagen, dass ich gerne bei einer Sterbephase dabei bin und den Menschen als Mensch auch in den letzten Monaten, Tagen und Stunden respektiere und wertschätze. Nach dem Tod wird der Patient mit viel Würde noch einmal schön mit Aromen gewaschen und ihm wird eine Rose auf die Brust gelegt, was ich ebenfalls als ein sehr schönes Ritual empfinde.

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